Freitag, 13. September 2013
Lebens...Lauf
ma1910, 00:28h
Mein Vater arbeitete als Maurer. Er bekam wöchentlich, immer Freitags, Lohn.
100 DM.
Da aber die Maurer jeden Freitag immer nach der „ Löhnung „ in die Kneipe liefen,
vielleicht nicht alle aber mein Papa, war von dem Lohn, wenn mein Vater nach Hause kam, nicht mehr viel übrig. Jeden Freitag hatten meine Eltern deshalb immer einen lautstarken Streit. Verständlich. Da war eine Mutter mit fünf Kindern, die eine Woche essen mussten. Miete musste ja davon auch noch bezahlt werden. Aber trotzdem ließ meine Mutter es sich nicht nehmen, samstags meinem Vater in die Kneipe zu folgen. (Früher war es üblich, dass fünfjährige Kinder mit 4 kleineren Geschwistern alleine blieben.) Dann wurde halt in der folgenden Woche „ angeschrieben „. Einen Supermarkt gab es ja noch nicht. Die Einkäufe tätigte man beim Bäcker, Metzger und Obstladen. Alle diese Läden waren auf unserer Straße. So, und wenn dann Dienstags oder Mittwochs kein Geld mehr da war, schickte meine Mutter mich mit einem Zettel in den jeweiligen Laden und bat darum, einkaufen zu können und am Freitag zu bezahlen. Manchmal klappte es auch nicht, wenn die Schulden aus der vorigen Woche noch nicht bezahlt waren. Dann hatten wir nichts zu essen im Haus. Zwei von uns, meistens meine Schwester und ich, kamen für ein paar Tage zur Oma. Ich glaube meine Oma wusste immer warum. Aber sie liebte uns und hat nie nein gesagt. Ja und die anderen mussten sich halt auch irgendwie durchschlagen. Gingen dann zur anderen Oma oder meine Mutter lieh sich was von Freunden. Manchmal trug sie was ins Leihhaus. Manchmal bekam mein Vater Vorschuss aber das Geld fehlte ja Ende der Woche wieder. Ein Problem war auch dieser Stromkasten in den die gekauften Marken gesteckt werden mussten. Sonst ging das Licht aus.. Radio und Fernsehen hatten wir ja nicht aber im Sommer kochten wir auf Strom . Was aber wenn kein Geld für Marken da war. ? Meine Mutter hatte dann die tolle Idee, welche zu basteln. Die hat sie aus Schuhcremedosen geschnitten. Das hat funktioniert. Aber jeden Monat kam der Kontrolleur von den Stadtwerken, um die Marken wieder zu entfernen. Dann hatten wir mehr schlechte als gute und mussten nachzahlen. Das sofort . Sonst war auch das Licht aus. Ist schon sehr oft passiert. Aber es war nicht weiter schlimm. Im Winter haben wir ja nicht mit Strom gekocht, sondern mit Holz oder Kohlen. Wir hatten noch einen dieser legendären Herde. Weiß und mit ganz viel Chrom. Am und über dem Herd wurde auch die Wäsche getrocknet. Schlimm war es aber wenn kein Geld für Strom und Kohlen da war. Es war lausig kalt. Eisblumen an den Fenstern.. Da bist du frierend ins Bett und frierend wieder aufgewacht. Dann gab es auch keine warmen Getränke.Aber viel schlimmer war der Hunger... Und es war kein Krieg mehr. Wir schrieben 1957. Mein Vater ging immer noch Freitags in die Kneipe und Samstags mit meiner Mutter. Ich hatte immer sehr viel Angst, alleine zu sein. Deshalb habe ich immer, wenn sich meine Mutter für den Abend fertig machte, zum lieben Gott gebetet, er möge mich doch einschlafen lassen, bevor Mama weg ist. Manchmal wurde mein Gebet erhört. Aber sehr oft nicht. Und ich lag dann in der stillen Wohnung wach und achtete auf jedes Geräusch. Mit 5 Jahren... Schlimm war es auch wenn in der Nacht eines meiner Geschwister wach wurde. Wegen Hunger oder Durst. Dann war ich hilflos. Hatte ja nichts zu essen oder zu trinken..Schlimm wurde es wenn einer „musste „. Es gab ja kein Klo in der Wohnung. Wir hatten einen Eimer...Wenn eines der Kinder sehr lange schrie, was ich mir hinterher sehr wünschte, kam unsere Nachbarin und klopfte an die Tür weil sie nicht schlafen konnte. Sie war aber immer sehr lieb und hat meistens was zu essen gebracht.
Da sie keine Kinder hatte nahm sie sich unserem Zwilling an. Sie hat meiner Mutter gesagt, dass sie ja, also meine Mutter, etwas überfordert sei und sie sie unterstützen möchte. Das passierte auch. Von da an holte die „ Tante „ ( so hieß sie für uns alle ) jeden frühen Morgen unsere Schwester und brachte sie meistens abends zurück. Später blieb sie auch öfter über Nacht dort. Die Tante hatte einen Sohn und der wurde im Krieg als 2 oder 3-jähriger nach Baden-Württemberg zu einer Familie verschickt. Im Ruhrgebiet war das wohl üblich. Tante wurde als Krankenschwester verpflichtet und ihr Mann war Soldat. Als der Krieg dann zu Ende war, wollte der Sohn nicht mehr zurück. Er hatte sich bei seiner Pflegefamilie so gut eingelebt, dass es Tante nicht übers Herz brachte, ihn dort weg zu holen.Wenn ich heute so darüber nachdenke, tut es mir immer noch weh. Welche Größe diese Frau hatte... Diente ihrem Vaterland und verlor dadurch ihren Sohn. Unvorstellbar. Aber sie hat sich niemals darüber beklagt. So nahm sie sich also unserer Schwester an. Und ich glaube, sie hatte es dort sehr gut. Meine Schwester hat Tante immer bedingungslos geliebt. Zu meiner Mutter hatte sie nie dieses herzliche Verhältnis. Auch nicht zu uns Geschwistern. Also hat meine Mutter eigentlich auch eine Tochter aus Liebe verloren...Aber ich greife vor.
Wir wohnten ungefähr 5 km von meiner Oma mütterlicherseits entfernt. Und man hat mir mal erzählt, dass ich, als wir bei Oma ausgezogen sind, da war ich 13 Monate alt, kaum noch gegessen habe. Und so gaben mich meine Eltern oft dorthin. Habe es wohl als mein Zuhause betrachtet. Ich kann mich erinnern, dass ich mit 4 oder 5 Jahren schon alleine mit der Straßenbahn zur Oma gefahren bin. Das habe ich auch noch gemacht, als ich schon in der Schule war. Zu meinem Pech hat mich eines Tages eine Lehrerin von unserer Schule in der Straßenbahn entdeckt. Sie hat sofort das Jugendamt informiert und ab da durfte ich nur noch am Wochenende zur Oma. Es war nicht verboten mit der Bahn zu fahren, sondern es ging darum., dass, wenn ich bei Oma wohne, in eine andere Schule musste. Aber das konnten meine Eltern nicht machen denn dann wurde das Kindergeld gekürzt. Das wollten sie natürlich nicht. Finanziell hatte sich bis dahin noch nichts geändert.Es wurde noch schlimmer, da mein Vater seine obligatorischen Freitagabende noch immer ausgiebig genoss. So kam es dann, dass wir aus der Wohnung flogen. Zwangsräumung ! Wir sind dann 20 km weiter in einen Bunker verfrachtet worden. Diese Wohnung bestand aus einem ! Raum. Ca. 35 – 40 qm. Mein Opa hat dann mit Gardinen 3 Räume unterteilt. Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Das dumme war nur, dort war nur ein sehr kleines Fenster und dass spendete Licht und Luft für den ersten unterteilten Raum. Die Küche war in der Mitte und wenn dann gekocht wurde, da kann man sich vorstellen, wie lange der Kochdunst da war. Eigentlich roch es dort immer. Die Toilette war draußen auf einen großen Flur. Die mussten wir uns mit 4, ebenfalls sozial schwachen, Familien teilen. Ich möchte nicht näher darauf eingehen. Natürlich hat sich unsere Adresse dazu verholfen, dass wir Kinder in der Schule „ besonders„ behandelt wurden. Das äußerte sich dadurch, dass die Klassenlehrerin sehr laut unseren Wohnort wiederholte. Natürlich hatte sie dabei kein Lächeln im Gesicht... Da ich schon die dritte Klasse besuchte, waren auch die Mitschüler so weit, um zu begreifen, was die Lehrerin ihnen damit sagen wollte. Also beschränkte sich mein Freundeskreis auf die Mitbewohner im Bunker. Na ja, war ja nicht weiter schlimm. Denn wir zogen nach 3 Monaten um. In ein Haus im Haus. Wunderschön war es dort. Wir wohnten unten und oben.. Unten war die Küche, ein Esszimmer und ein Wohnzimmer. Obenwaren 4 Zimmer und ein Badezimmer. Unten war noch ein Balkon. Die Haustüre haben wir durch einen Laubengang erreicht. Oben hatten wir Kinder einen Raum. Meine Eltern ein Schlafzimmer. Ein Zimmer war mit ungebrauchten Möbeln gefüllt.Ein kleiner Raum war auch noch dort. Der wurde als Abstellkammer benutzt. Also mehr als Wäschekammer. Die wurde einfach rein geworfen. Teils schmutzige, teils saubere nicht gebrauchte... Das schönste war ein Badezimmer. Mit einer Badewanne!!! Und fließendem warmen Wasser. Keiner aus unserer Familie hatte so eine schöne Wohnung. Aber wir auch nicht lange. Denn nach einem Jahr merkte die Wohnungsverwaltung dass wir keine Miete zahlten. Also wieder eine Räumungsklage, wieder ausziehen. Da wir ja ein Haus im Haus bewohnten, meinte mein Vater wohl, unter dem geht es nicht... Jetzt hat er uns ein Haus zur Miete besorgt. Freistehend. Für 70 DM Monatsmiete. Ich war damals 12 und verstand schon was innerhalb der Familie passierte. Aber als meine Eltern in das „neue Haus“ zogen, war ich bei meiner Oma. Mein Kleiner Bruder war auch dort. Es waren gerade Ferien. Meine Tante, die auch noch bei Oma wohnte, half beim Umzug. Als sie abends nach Hause kam, erzählte sie Oma, Opa, einem Onkel, mir und meinem Bruder von der neuen Wohnsituation . Das tat sie mit sehr viel Theatralik, denn sie heulte nur und fuchtelte mit ihren Armen herum,. Man konnte kaum verstehen was sie sagte. Eines aber stand fest, sie fand das Haus nicht schön. Na gut, dachte ich, wird schon nicht so schlimm sein. Viellicht nicht so schön wie bei Oma oder unseres voriges Haus im Haus. Aber bestimmt auch nicht so schlimm wie der Bunker oder unsere erste Wohnung. ( Da war ja noch nicht mal fließend Wasser und Strom mit Strommünzen ) Wir sind dann am nächsten Tag nach Hause gebracht worden.
Oh Gott. Schlimmer ging es wirklich nicht. Ein Albtraum ohne Gleichen. Unbeschreiblich. Entsetzlich. Alle Negativmerkmale die man für eine Wohnung einsetzen könnte, fänden hier Verwendung. Ich will es mal ,so gut es geht , beschreiben.
Unsere Wohnung befand sich in einem Hinterhaus von einem Altbau. Bis vor kurzem befand sich in dem Altbau vorne eine Bäckerei, Das Hinterhaus wurde als Mehlspeicher benutzt. Es hatte kein Parterre, dort war eine Garage. In der ersten Etage war ein altes Gewölbe. So was wie ein Keller. Nur schmutzig und groß.. In der zweiten Etage waren 2 Zimmer, dass waren früher die Schlafstätten der Bäckergesellen. Daneben war noch ein großer Raum, der ehemalige Mehlspeicher. In einem der Räume war ein Wasserkran. Eine Türe hatte dieses Haus nicht. Die Fenster waren alte typische Fabrikfenster. Mit Blindglas. Also sehen konnte man dadurch nichts. Die waren so unterteilt mit 10 x 10 cm Abschnitten. Und in den einzelnen Abschnitten waren verschiedene Glassorten eingearbeitet. Bestimmt irgendwelche Reste. Der Rahmen und die Unterteilungen waren aus Eisen. In der Mitte von dem Fenster war ein Haken, mit dem an ein Drittel des Fensters öffnen konnte.Aber nicht auf Kippe, nur ganz. Die Fensterbank war nackter Stein. Die Wände in den beiden Zimmern hatten keine Tapete nur bekritzelte Wände. Der Boden war auch aus nacktem Stein. Jeder Raum hatte ungefähr 20 qm. So jetzt möchte ich beschreiben, wie es möbliert war. Also in dem hinterem Raum wurde ein Etagenbett aufgestellt, ein Kinderbett und ein kleines Ehebett. 1 kleiner Kleiderschrank. Das wars. Der vordere Raum bekam einen Tisch mit 6 Stühlen, einen Küchenschrank ein kleines Regal auf dem der 2-Platten Herd drauf gestellt wurde. Wasser wurde auf dem Mehlspeicher geholt. Das Abwasser wurde in Eimern gesammelt und später nach unten quer über den Hof auf unsere Außentoilette gebracht. Die war außen im Altbau. Das Wort Toilette verwende ich jetzt nur weil ich gut erzogen bin. Aber das Gute war, dass dieser Raum nicht abschließbar war und so konnten wir während des Spielens auf dem Hof auch da drauf. Aber jeder andere auch... Im Winter aber ging nichts mehr, da war alles zugefroren. War halt eine Außentoilette...Unter diesen Umständen haben wir ungefähr 1 Jahr gehaust. Dann hatte mein Vater unsere Wohnung fertig. Aus dem großen Mehlspeicher wurde Badezimmer, Küche und Wohnzimmer. Die beiden anderen Zimmer waren die Schlafzimmer. Zunächst schliefen wir 5 Kinder noch in einem Zimmer
Das änderte sich zu meinem 15. Geburtstag. Da bekam meine Mutter noch ein Kind. Ein Mädchen. Und wenn ich sage, bis zu meinem Geburtstag dann heißt dass, es kam auf meinem Geburtstag zur Welt. Die älteste und die jüngste am gleichen Tag.. Ich glaube erst am nächsten Tag hat man mir nachträglich gratuliert. Aber das war nicht schlimm, denn so eine Geburt ist natürlich wichtiger.. Ich glaube für die nächsten Jahre habe ich in dieser Wohnung richtige Ängste entwickelt. Man muss sich vorstellen, dort war eine Haustüre, die sich nicht schließen ließ. Tag und Nacht stand sie auf. Meine Eltern haben es nicht hingekriegt ein Schloss dafür zu besorgen. Wir hatten zwar einen Hund, aber der bellte für alles und jeden. Abends oder nachts wenn wir alleine waren, konnte man kaum schlafen, weil man auf jedes Geräusch achtete. Alles in Allem war dass die schrecklichste Zeit in meinen Leben. Man findet einfach nichts positives. Wenn ich noch daran denke wie wir , da der Strom in einem kalten Winter abgestellt war, nicht ein Heißgetränk bekamen. Denn Geld für Kohlen war auch nicht da . In dieser Zeit wurde alles verfeuert was nicht Niet- und Nagelfest war. Täglich musste ich mit einer Thermoskanne nach Tchibo und Kaffee holen. Dann gab es ein Kaufhaus in dem gab es für 50 Pf. Einen Eintopf. Mit Wurst 1,00 DM . Aber so viel Geld hatten wir ja nicht.Jeden Tag nach der Schule liefen wir alle dort hin und kriegten wenigstens eine warme Mahlzeit. Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit in einer Bar. Sie kam immer erst nach sechs Uhr morgens nach Hause. Dann schlief sie bis zum Nachmittag. So hat sie ja auch nie kochen können und wir bekamen den Eintopf. Wenn meine Mutter arbeiten war, dann war Papa nicht zu Hause. Er war mit in der Bar und vertrank einen Teil von dem, was meine Mutter verdiente. Manchmal bekam er auch Streit mit den Gästen, weil er auf jeden eifersüchtig war. Das war dem Barbesitzer nach ein paar Wochen wohl zu viel und er feuerte meine Mutter wieder. Aber dadurch ging es uns nicht besser. Jetzt war sie zwar da aber wir hatten wieder kein Geld. Papa konnte als Maurer im Winter nicht arbeiten und ging stempeln. Weihnachten war auch kein Geld da. Geschenke gab es nicht. Aber was zu essen. Und das im Jahr 1965. Wo viele schon einen Aufschwung erlebten. Wir nicht. Meine Oma war der wichtigste Pfeiler in meinem Leben. Aber sie konnte auch nicht alles auffangen. Zwei meiner Schwestern waren wegen Angstzuständen jahrelang in therapeutischer Behandlung. Ich habe sehr wahrscheinlich das gleiche gehabt und habe dies später verarbeitet als Übermutter. Meine Kinder durften fast nichts, da ich immer Angst hatte, dass ihnen was passiert. Aber ich greife schon wieder vor.
Keine meiner Freundinnen kam je zu uns nach Hause, ich habe mich so für diese Wohnung geschämt. Manchmal fuhr ich meine Oma besuchen und nahm eine Freundin mit. Dort war es ja immer sauber und ordentlich. Meine Großeltern wohnten noch in dem Haus, in dem ich geboren wurde.
Nun gut, diese Zeit ging ja auch vorbei. 1966 wurde ich aus der Schule entlassen1 Damals war es eine Volksschule. Wir hatten nur 8 Jahre Schulpflicht. Mein Zeugnis war einigermaßen . Im Gegensatz zu meinen Geschwistern. Alle mussten 1 Jahr wiederholen. Der Zwilling 3 mal.- Zuerst war er alleine in der Klasse, dann kam er zu dem älteren Bruder und 1 Jahr später zum jüngsten Bruder in die Klasse, Meine Schwester hat 3mal die Sechste besucht. Dann wurde sie auch aus dieser entlassen...Aus meiner heutigen Sicht war das nicht verwunderlich. Wir waren ja mit allem immer auf uns alleine gestellt. Da wurden keine Hausaufgaben mit Mutter oder Vater gemacht. Ganz selten wurde das Bastelmaterial gekauft, dass wir benötigten. Kann jetzt nur für mich sprechen. Aber ich glaube bei den anderen war es ähnlich. Meine Oma hat viel geholt, was ich brauchte. Ich glaube ab der 6. Klasse habe ich meine Arbeiten selbst unterschrieben. Fiel niemanden auf. Zu Elternabenden kam keiner. Meine Eltern kannte keiner in der Schule. Und trotzdem ist aus jedem von uns etwas geworden. Aber ich weiß bis heute nicht, auf was meine Mutter so stolz ist. Vielleicht weil wir nie aufgegeben haben ? Weil sich jeder einen Platz im Leben gesucht und auch gefunden hat ? Weil wir alles anders gemacht haben als sie ? Wie gesagt ich weiß es nicht. Wenn ich sie frage, bekomme ich keine klare Antwort darauf. Auch nicht auf all die 1000 anderen Fragen. Z.B. warum ich so viel Prügel bekommen habe, warum ich die Verantwortung immer für alle Kinder hatte, warum sie mich nie in den Arm genommen oder geküsst oder gestreichelt hat. Warum ich nie ein liebes Wort von ihr gehört habe. Warum sie mir nie gesagt hat, dass man sich die Hände nach der Toilette waschen sollte. Für mich alles große Fragezeichen. Meine Mutter kann sich angeblich an all diese Dinge nicht erinnern. Nur wir Geschwister tauschen uns über dieses Thema aus. Aber mittlerweile ist es so, dass auch eine Spur Mitleid in unsere Beziehung kommt, so das ich das Thema lieber ruhen lasse. Was man alles so vergessen kann...
1969 habe ich meinen Mann kennengelernt und 1971 war ich endlich aus der verhassten Wohnung ausgezogen. Früher bekam man als unverheiratetes Paar keine oder schwer eine Wohnung. Also haben wir Anfang 1971 geheiratet. Meine erste Wohnung war wunderschön. Ich legte Wert auf sehr viel Gemütlichkeit und natürlich Ordnung und Sauberkeit. Ein kleines Paradies war mein Zuhause. Zeitgleich sind meine Eltern auch umgezogen. In eine 4 ½ Zimmer Wohnung. Die haben sie auch schöner gemacht. Der Zwilling war schon vor mir ausgezogen. Sie hatte einen Sohn bekommen. Mit 17. Sie war verheiratet. 1 Jahr später wohnte nur noch mein jüngster Bruder und die kleine Schwester im Hause meiner Eltern. Alle haben schnell geheiratet um raus zu kommen.
Da ich mich ja mein Leben lang um kleine Kinder kümmerte, wollte ich so schnell wie möglich auch eins haben. Aber leider wurde aus meinem Wunsch noch nichts weil sich nach 3 Jahren herausstelle, dass mein Mann zeugungsunfähig war. Durch eine Mumps Erkrankung ist das geschehen.Und meine Schwiegereltern und deren Familie hatten mich schon die ganze Zeit im Visier keine Kinder bekommen zu können. Ok. Blöd gelaufen. Für mich und meinen Mann. Heute denke ich, dass ich diesen Kinderwunsch so sehr innehatte , dass daran letztendlich meine Ehe zerbrach.
Also haben wir und 1975 getrennt und 1976 wurde ich geschieden.
1976 war dann mein Schicksalsjahr. Am 1. Mai, genau genommen in der Nacht zum 1. Mai ( Tanz in den Mai ) habe ich meinen Traummann gefunden. Jetzt hatte ich nur Sorge, dass er auch keine Kinder zeugen kann. Nach einer kleinen Kennlernphase haben ich ihm gesagt, dass, wenn er Kinder möchte, ich bis zum 25. Lebensjahr schwanger sein wollte. Im Oktober wurde ich 25. Er bejahte und ich setzte die Pille ab. Es dauerte dann bis Februar 1977 bis ich endlich schwanger wurde. Nach all der Zeit in meiner ersten Ehe wo ich Mont für Monat darauf wartete, dass meine Regel ausblieb, war es für mich die Sensation überhaupt, dass sie ausblieb. War für mich ein Wunder, an dass ich noch nicht glauben konnte. Und so ging ich alle 5 – 10 Minuten auf die Toilette um nachzusehen. Aber ich war schwanger!!! Das Kind kam im November 1977 zur Welt. Meine Tochter. Sie war endlich da... Mein Gefühl war Glück, Freude, Liebe, einfach alles was ich mir erträumte. Jetzt hatte ICH eine Familie, eine wunderschöne Wohnung und einen Mann der sehr viel arbeitete um seinen Mädels, wie er immer sagte, ein schönes Leben zu ermöglichen.Und ich wollte meinen Beitrag dazu leisten und alles perfekt zu machen. Einfach alles. Auf jeden Fall alles anders als meine Eltern. Mein Kind sollte niemals hungern oder frieren. Ich würde es versorgen mit allem was es braucht und es sollte gut behütet aufwachsen. Die Kleine war für mich das Größte auf dieser Welt. Ich lies sie nicht 1 Minute aus den Augen. Holte sie jede Nacht zu uns ins Bett um ihre Atmung zu kontrollieren. Sie entwickelte sich rasant. Es war einfach nur schön. Wir fuhren in Urlaub, sogar in den Wintersport und liefen abwechselnd Ski oder gingen spazieren. Einmal , da war sie 1 Jahr alt, hatte sie eine leichte Bronchitis und ich schlug dann meinem Mann vor, mit dem Kind an die Ostsee zu fahren, damit sie sich erholte. Das taten wir auch. Zu dieser Zeit wurde mein Vater schwer krank. Er hatte eine Nierenerkrankung und musste innerhalb kürzester Zeit an die Dialyse angeschlossen werden. 3 mal in der Woche für 4 Stunden. Wir hatten eine Heimdialyse und meine Mutter wurde darin ausgebildet ,ihn daran anzuschließen. Zu diesen Zeiten bin ich sehr oft mit meiner Tochter zu Papa gefahren. Wir verbrachten dann die Zeit dort. Denn mein Vater hing sehr an seinem ersten Enkelmädchen. Meine beiden Schwestern hatten jeweils einen Sohn bekommen. Die waren schon 4 und 5 Jahre alt. Zurückblickend war die Zeit mit dem kranken Vater nicht sehr schön. Vor allem nicht für ihn. Der Lebemann... Hat bis dahin, seinem 46. Lebensjahr, gut gelebt. Hatte sehr oft seinen Spaß mit anderen Frauen.Er hat meine Mutter ständig betrogen. Ging so 2 bis 3 mal in der Woche abends in die Kneipe. Hat noch mit fremden Frauen Kinder gezeugt, hat eine mehrmonatige Haftstrafe verbüßt wegen Verführung Minderjähriger . Vor meinen Schwestern und mir machte er auch nicht Halt. Aber dies hatte ich damals alles vergessen. Mir und meiner Familie ging es ja gut. Papa tat mir nur leid. Bis zur Geburt meiner kleinen Schwester, also bis ich 15 Jahre alt war, hat er mir viel Beachtung geschenkt. Von ihm habe ich eigentlich viel gelernt. Auf jede meiner Fragen wusste er eine Antwort. Oft hat er mich auch vor meiner Mutter verteidigt, wenn ich mal wieder „ dran war „. D. h. Den ganzen Tag oder auch zwei wurde ich für alles was schief lief angemeckert oder verhauen.Wenn er das mitbekam, ging er dazwischen. Dann war wieder eine Weile Ruhe und ein anderer kam dran. Meine Mutter war auch nicht zimperlich mit der Auswahl ihrer Hilfsmittel. Da gab es den Teppichklopfer, Tennisschläger oder Ledergürtel. Die Arme und die Schultern hatten dann 1 Woche Striemen. Einmal Heiligabend, da war ich schon 15 Jahre alt, ich kam von der Arbeit und wollte mir einen Kaffee trinken, bevor ich mich für den Abend fertig machte. Setzte mich an den Tisch, meine Mutter dazu, sie begann wieder irgendeine Streiterei, vielleicht hab ich sie auch begonnen, ich weiß es wirklich nicht mehr, da bekam ich plötzlich denNussknacker an den Kopf und das Blut tropfte auf den Tisch. Aber das interessierte niemanden, so abgestumpft waren alle Kinder schon. Meine Schwester erzählte mir kürzlich, dass ich ihr so leid tat als meine Mutter mich mal an den Haaren durch die ganze Wohnung gezerrt hat. Dass weiß ich gar nicht mehr.. Vielleicht weil ich die schlimmeren Sachen nur gespeichert habe. Als meine Schwester mir das erzählt hat, hat sie fürchterlich geweint. Mensch tat sie mir leid. Die Arme. Meinen Bruder hat Mutter mal mit einem Besenstiel derart verhauen, dass er aus Angst durch die geschlossene Glastüre gerannt ist. Aber da hat er noch Ärger bekommen, weil die Scheibe in der Türe zu Bruch ging. Ja und so was wollte ich meinen Kindern niemals antun. Das habe ich mir schon damals geschworen. Und trotzdem bin ich immer wieder nach Hause gegangen. Ich liebte meinen Vater, bei meiner Mutter weiß ich es nicht. Bis heute nicht... Die Lebenszeit meines Vaters war, ohne Transplantation, sehr begrenzt und ich bin auch oft dort hin gefahren. Hatte ja nur ein Kind und konnte so auch meine Geschwister besuchen, da ich ungefähr 60 km von ihnen weg wohnte. Meine Eltern und die Geschwister sind im gleichen Stadtteil geblieben. Mein Mann und ich sind nach Außerhalb gezogen. Wir haben uns ein schönes Einfamilienhaus gemietet. Mit einem schönen Garten. Er pendelte zwar zu seiner Arbeit aber das war ihm egal. Die Hauptsache wir hatten es schön. Ok schön ist zuviel gesagt. Ich kam dort nicht zu recht. Denn ich vermisste meine Geschwister schon ganz schön. Sonst sahen wir uns fast täglich. Nun konnten wir nur telefonieren. Manchmal hatte ich auch kein Auto uns so wurde ich dort sehr einsam. Irgend wann wurde ich dann sogar krank. Hatte immer Herzrasen verbunden mit Angst. Angst zu sterben. Ich wurde dann auch kalk weiß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. Mein Mann ging mit mir zum Arzt und der verschrieb mir Beruhigungstabletten. Zunächst hatte ich Angst alleine im Haus zu sein, später konnte ich nicht mehr über Brücken fahren, konnte an keiner Ampel stehen bleiben, noch später bin ich gar kein Auto mehr gefahren. Dadurch wurde ich natürlich immer einsamer und die Krankheit, was es auch immer war, konnte nicht verschwinden. So kam es dann , dass ich morgens um sieben mit meiner kleinen Tochter mit meinem Mann mit zur Arbeit fuhr und er mich bei meiner Schwester absetzte, Um acht war ich meistens da und abends um sieben holte er mich wieder. Das wurde mir nach ein paar Tagen zu langweilig und so fuhr er mich jeden Morgen woanders hin. Zur Mama, zur Oma, meiner Schwester und meiner Schwägerin. So kriegte ich die Woche gut rum. Am Wochenende musste meine kleine Schwester mit zu mir, sie war damals 12 oder 13 Jahre alt. Alles nur damit ich nicht alleine war. Denn ich musste ja irgendwann das Haus putzen. Da wir zu dieser Zeit schon ein zweites Kind wollten, habe ich die Tabletten weggelassen, weil ich meinte, dass ich damit nicht schwanger werden konnte. Aber ich wurde nicht schwanger. Nach einem Jahr mit dieser blöden Krankheit, haben wir uns wieder eine Wohnung in der Nähe meiner Familie gesucht. Meine Tochter war zu diesem Zeitpunkt 2 Jahre alt. Und einen Monat später war ich wieder schwanger. Da ich ja seit meinem 18. Lebensjahr Diabetes hatte, war es wieder eine Risikoschwangerschaft und ich musste jede Woche zum Arzt. Auf einmal konnte ich auch wieder Auto fahren, blieb wieder alleine und hatte keine Angst mehr. Sehr wahrscheinlich waren dass die Hormone der Schwangerschaft. Aber egal, meine Welt war wieder in Ordnung...Im Juli 1980 kam meine zweite Tochter zur Welt. Ein 8 Pfund schweres Kind. Aber auch mit Kaiserschnitt. Wegen dem Diabetes wurde bei mir die Schwangerschaft immer 2 Wochen vor Termin beendet. Das Kind war von Anfang an ein Schreikind. Mir blieb wenig Zeit für die Große. Sie war jetzt fast 3 Jahre. Aber da sie ein sehr liebes und ruhiges Kind war, nahm sie mir das nicht übel. Ich band sie in allem mit ein. Sie durfte mit füttern, das Baby baden und Windeln wechseln. Eine ganz kleine Mami eben. Unsere zweite Tochter lernte mit 10 Monaten laufen. Nur sprechen konnte sie erst später. Das habe ich ihr im Krankenhaus verstärkt beigebracht. Dort lag sie nämlich gut 2 Wochen und ich war rund um die Uhr bei ihr. Da ich mir die Schuld für ihren Aufenthalt dort gab. Sie hatte eine Medikamentenvergiftung. Da kam so. Sie hatte eine Mittelohrentzündung, da war sie 13 Monate alt. Und abends habe ich ihr den Fiebersaft gegeben und die Flasche hoch aufs Regal im Kinderzimmerschrank gestellt. Davor stand ihr Bettchen. Ich ging dann aus dem Raum und als ich nach ungefähr 10 Minuten gucken wollte ob die Kinder schlafen, saß die Kleine im Bett und spielte mit der Flasche. Auf dem Bettzeug war etwas verschüttet und ich wusste nicht wie viel sie getrunken hatte. Dann habe ich die Giftzentrale in Berlin angerufen und nach gefragt. Die haben mich sofort in eine Klinik geschickt. Und dort blieb sie dann über 2 Wochen.
Fortsetzung folgt!!!!
100 DM.
Da aber die Maurer jeden Freitag immer nach der „ Löhnung „ in die Kneipe liefen,
vielleicht nicht alle aber mein Papa, war von dem Lohn, wenn mein Vater nach Hause kam, nicht mehr viel übrig. Jeden Freitag hatten meine Eltern deshalb immer einen lautstarken Streit. Verständlich. Da war eine Mutter mit fünf Kindern, die eine Woche essen mussten. Miete musste ja davon auch noch bezahlt werden. Aber trotzdem ließ meine Mutter es sich nicht nehmen, samstags meinem Vater in die Kneipe zu folgen. (Früher war es üblich, dass fünfjährige Kinder mit 4 kleineren Geschwistern alleine blieben.) Dann wurde halt in der folgenden Woche „ angeschrieben „. Einen Supermarkt gab es ja noch nicht. Die Einkäufe tätigte man beim Bäcker, Metzger und Obstladen. Alle diese Läden waren auf unserer Straße. So, und wenn dann Dienstags oder Mittwochs kein Geld mehr da war, schickte meine Mutter mich mit einem Zettel in den jeweiligen Laden und bat darum, einkaufen zu können und am Freitag zu bezahlen. Manchmal klappte es auch nicht, wenn die Schulden aus der vorigen Woche noch nicht bezahlt waren. Dann hatten wir nichts zu essen im Haus. Zwei von uns, meistens meine Schwester und ich, kamen für ein paar Tage zur Oma. Ich glaube meine Oma wusste immer warum. Aber sie liebte uns und hat nie nein gesagt. Ja und die anderen mussten sich halt auch irgendwie durchschlagen. Gingen dann zur anderen Oma oder meine Mutter lieh sich was von Freunden. Manchmal trug sie was ins Leihhaus. Manchmal bekam mein Vater Vorschuss aber das Geld fehlte ja Ende der Woche wieder. Ein Problem war auch dieser Stromkasten in den die gekauften Marken gesteckt werden mussten. Sonst ging das Licht aus.. Radio und Fernsehen hatten wir ja nicht aber im Sommer kochten wir auf Strom . Was aber wenn kein Geld für Marken da war. ? Meine Mutter hatte dann die tolle Idee, welche zu basteln. Die hat sie aus Schuhcremedosen geschnitten. Das hat funktioniert. Aber jeden Monat kam der Kontrolleur von den Stadtwerken, um die Marken wieder zu entfernen. Dann hatten wir mehr schlechte als gute und mussten nachzahlen. Das sofort . Sonst war auch das Licht aus. Ist schon sehr oft passiert. Aber es war nicht weiter schlimm. Im Winter haben wir ja nicht mit Strom gekocht, sondern mit Holz oder Kohlen. Wir hatten noch einen dieser legendären Herde. Weiß und mit ganz viel Chrom. Am und über dem Herd wurde auch die Wäsche getrocknet. Schlimm war es aber wenn kein Geld für Strom und Kohlen da war. Es war lausig kalt. Eisblumen an den Fenstern.. Da bist du frierend ins Bett und frierend wieder aufgewacht. Dann gab es auch keine warmen Getränke.Aber viel schlimmer war der Hunger... Und es war kein Krieg mehr. Wir schrieben 1957. Mein Vater ging immer noch Freitags in die Kneipe und Samstags mit meiner Mutter. Ich hatte immer sehr viel Angst, alleine zu sein. Deshalb habe ich immer, wenn sich meine Mutter für den Abend fertig machte, zum lieben Gott gebetet, er möge mich doch einschlafen lassen, bevor Mama weg ist. Manchmal wurde mein Gebet erhört. Aber sehr oft nicht. Und ich lag dann in der stillen Wohnung wach und achtete auf jedes Geräusch. Mit 5 Jahren... Schlimm war es auch wenn in der Nacht eines meiner Geschwister wach wurde. Wegen Hunger oder Durst. Dann war ich hilflos. Hatte ja nichts zu essen oder zu trinken..Schlimm wurde es wenn einer „musste „. Es gab ja kein Klo in der Wohnung. Wir hatten einen Eimer...Wenn eines der Kinder sehr lange schrie, was ich mir hinterher sehr wünschte, kam unsere Nachbarin und klopfte an die Tür weil sie nicht schlafen konnte. Sie war aber immer sehr lieb und hat meistens was zu essen gebracht.
Da sie keine Kinder hatte nahm sie sich unserem Zwilling an. Sie hat meiner Mutter gesagt, dass sie ja, also meine Mutter, etwas überfordert sei und sie sie unterstützen möchte. Das passierte auch. Von da an holte die „ Tante „ ( so hieß sie für uns alle ) jeden frühen Morgen unsere Schwester und brachte sie meistens abends zurück. Später blieb sie auch öfter über Nacht dort. Die Tante hatte einen Sohn und der wurde im Krieg als 2 oder 3-jähriger nach Baden-Württemberg zu einer Familie verschickt. Im Ruhrgebiet war das wohl üblich. Tante wurde als Krankenschwester verpflichtet und ihr Mann war Soldat. Als der Krieg dann zu Ende war, wollte der Sohn nicht mehr zurück. Er hatte sich bei seiner Pflegefamilie so gut eingelebt, dass es Tante nicht übers Herz brachte, ihn dort weg zu holen.Wenn ich heute so darüber nachdenke, tut es mir immer noch weh. Welche Größe diese Frau hatte... Diente ihrem Vaterland und verlor dadurch ihren Sohn. Unvorstellbar. Aber sie hat sich niemals darüber beklagt. So nahm sie sich also unserer Schwester an. Und ich glaube, sie hatte es dort sehr gut. Meine Schwester hat Tante immer bedingungslos geliebt. Zu meiner Mutter hatte sie nie dieses herzliche Verhältnis. Auch nicht zu uns Geschwistern. Also hat meine Mutter eigentlich auch eine Tochter aus Liebe verloren...Aber ich greife vor.
Wir wohnten ungefähr 5 km von meiner Oma mütterlicherseits entfernt. Und man hat mir mal erzählt, dass ich, als wir bei Oma ausgezogen sind, da war ich 13 Monate alt, kaum noch gegessen habe. Und so gaben mich meine Eltern oft dorthin. Habe es wohl als mein Zuhause betrachtet. Ich kann mich erinnern, dass ich mit 4 oder 5 Jahren schon alleine mit der Straßenbahn zur Oma gefahren bin. Das habe ich auch noch gemacht, als ich schon in der Schule war. Zu meinem Pech hat mich eines Tages eine Lehrerin von unserer Schule in der Straßenbahn entdeckt. Sie hat sofort das Jugendamt informiert und ab da durfte ich nur noch am Wochenende zur Oma. Es war nicht verboten mit der Bahn zu fahren, sondern es ging darum., dass, wenn ich bei Oma wohne, in eine andere Schule musste. Aber das konnten meine Eltern nicht machen denn dann wurde das Kindergeld gekürzt. Das wollten sie natürlich nicht. Finanziell hatte sich bis dahin noch nichts geändert.Es wurde noch schlimmer, da mein Vater seine obligatorischen Freitagabende noch immer ausgiebig genoss. So kam es dann, dass wir aus der Wohnung flogen. Zwangsräumung ! Wir sind dann 20 km weiter in einen Bunker verfrachtet worden. Diese Wohnung bestand aus einem ! Raum. Ca. 35 – 40 qm. Mein Opa hat dann mit Gardinen 3 Räume unterteilt. Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer. Das dumme war nur, dort war nur ein sehr kleines Fenster und dass spendete Licht und Luft für den ersten unterteilten Raum. Die Küche war in der Mitte und wenn dann gekocht wurde, da kann man sich vorstellen, wie lange der Kochdunst da war. Eigentlich roch es dort immer. Die Toilette war draußen auf einen großen Flur. Die mussten wir uns mit 4, ebenfalls sozial schwachen, Familien teilen. Ich möchte nicht näher darauf eingehen. Natürlich hat sich unsere Adresse dazu verholfen, dass wir Kinder in der Schule „ besonders„ behandelt wurden. Das äußerte sich dadurch, dass die Klassenlehrerin sehr laut unseren Wohnort wiederholte. Natürlich hatte sie dabei kein Lächeln im Gesicht... Da ich schon die dritte Klasse besuchte, waren auch die Mitschüler so weit, um zu begreifen, was die Lehrerin ihnen damit sagen wollte. Also beschränkte sich mein Freundeskreis auf die Mitbewohner im Bunker. Na ja, war ja nicht weiter schlimm. Denn wir zogen nach 3 Monaten um. In ein Haus im Haus. Wunderschön war es dort. Wir wohnten unten und oben.. Unten war die Küche, ein Esszimmer und ein Wohnzimmer. Obenwaren 4 Zimmer und ein Badezimmer. Unten war noch ein Balkon. Die Haustüre haben wir durch einen Laubengang erreicht. Oben hatten wir Kinder einen Raum. Meine Eltern ein Schlafzimmer. Ein Zimmer war mit ungebrauchten Möbeln gefüllt.Ein kleiner Raum war auch noch dort. Der wurde als Abstellkammer benutzt. Also mehr als Wäschekammer. Die wurde einfach rein geworfen. Teils schmutzige, teils saubere nicht gebrauchte... Das schönste war ein Badezimmer. Mit einer Badewanne!!! Und fließendem warmen Wasser. Keiner aus unserer Familie hatte so eine schöne Wohnung. Aber wir auch nicht lange. Denn nach einem Jahr merkte die Wohnungsverwaltung dass wir keine Miete zahlten. Also wieder eine Räumungsklage, wieder ausziehen. Da wir ja ein Haus im Haus bewohnten, meinte mein Vater wohl, unter dem geht es nicht... Jetzt hat er uns ein Haus zur Miete besorgt. Freistehend. Für 70 DM Monatsmiete. Ich war damals 12 und verstand schon was innerhalb der Familie passierte. Aber als meine Eltern in das „neue Haus“ zogen, war ich bei meiner Oma. Mein Kleiner Bruder war auch dort. Es waren gerade Ferien. Meine Tante, die auch noch bei Oma wohnte, half beim Umzug. Als sie abends nach Hause kam, erzählte sie Oma, Opa, einem Onkel, mir und meinem Bruder von der neuen Wohnsituation . Das tat sie mit sehr viel Theatralik, denn sie heulte nur und fuchtelte mit ihren Armen herum,. Man konnte kaum verstehen was sie sagte. Eines aber stand fest, sie fand das Haus nicht schön. Na gut, dachte ich, wird schon nicht so schlimm sein. Viellicht nicht so schön wie bei Oma oder unseres voriges Haus im Haus. Aber bestimmt auch nicht so schlimm wie der Bunker oder unsere erste Wohnung. ( Da war ja noch nicht mal fließend Wasser und Strom mit Strommünzen ) Wir sind dann am nächsten Tag nach Hause gebracht worden.
Oh Gott. Schlimmer ging es wirklich nicht. Ein Albtraum ohne Gleichen. Unbeschreiblich. Entsetzlich. Alle Negativmerkmale die man für eine Wohnung einsetzen könnte, fänden hier Verwendung. Ich will es mal ,so gut es geht , beschreiben.
Unsere Wohnung befand sich in einem Hinterhaus von einem Altbau. Bis vor kurzem befand sich in dem Altbau vorne eine Bäckerei, Das Hinterhaus wurde als Mehlspeicher benutzt. Es hatte kein Parterre, dort war eine Garage. In der ersten Etage war ein altes Gewölbe. So was wie ein Keller. Nur schmutzig und groß.. In der zweiten Etage waren 2 Zimmer, dass waren früher die Schlafstätten der Bäckergesellen. Daneben war noch ein großer Raum, der ehemalige Mehlspeicher. In einem der Räume war ein Wasserkran. Eine Türe hatte dieses Haus nicht. Die Fenster waren alte typische Fabrikfenster. Mit Blindglas. Also sehen konnte man dadurch nichts. Die waren so unterteilt mit 10 x 10 cm Abschnitten. Und in den einzelnen Abschnitten waren verschiedene Glassorten eingearbeitet. Bestimmt irgendwelche Reste. Der Rahmen und die Unterteilungen waren aus Eisen. In der Mitte von dem Fenster war ein Haken, mit dem an ein Drittel des Fensters öffnen konnte.Aber nicht auf Kippe, nur ganz. Die Fensterbank war nackter Stein. Die Wände in den beiden Zimmern hatten keine Tapete nur bekritzelte Wände. Der Boden war auch aus nacktem Stein. Jeder Raum hatte ungefähr 20 qm. So jetzt möchte ich beschreiben, wie es möbliert war. Also in dem hinterem Raum wurde ein Etagenbett aufgestellt, ein Kinderbett und ein kleines Ehebett. 1 kleiner Kleiderschrank. Das wars. Der vordere Raum bekam einen Tisch mit 6 Stühlen, einen Küchenschrank ein kleines Regal auf dem der 2-Platten Herd drauf gestellt wurde. Wasser wurde auf dem Mehlspeicher geholt. Das Abwasser wurde in Eimern gesammelt und später nach unten quer über den Hof auf unsere Außentoilette gebracht. Die war außen im Altbau. Das Wort Toilette verwende ich jetzt nur weil ich gut erzogen bin. Aber das Gute war, dass dieser Raum nicht abschließbar war und so konnten wir während des Spielens auf dem Hof auch da drauf. Aber jeder andere auch... Im Winter aber ging nichts mehr, da war alles zugefroren. War halt eine Außentoilette...Unter diesen Umständen haben wir ungefähr 1 Jahr gehaust. Dann hatte mein Vater unsere Wohnung fertig. Aus dem großen Mehlspeicher wurde Badezimmer, Küche und Wohnzimmer. Die beiden anderen Zimmer waren die Schlafzimmer. Zunächst schliefen wir 5 Kinder noch in einem Zimmer
Das änderte sich zu meinem 15. Geburtstag. Da bekam meine Mutter noch ein Kind. Ein Mädchen. Und wenn ich sage, bis zu meinem Geburtstag dann heißt dass, es kam auf meinem Geburtstag zur Welt. Die älteste und die jüngste am gleichen Tag.. Ich glaube erst am nächsten Tag hat man mir nachträglich gratuliert. Aber das war nicht schlimm, denn so eine Geburt ist natürlich wichtiger.. Ich glaube für die nächsten Jahre habe ich in dieser Wohnung richtige Ängste entwickelt. Man muss sich vorstellen, dort war eine Haustüre, die sich nicht schließen ließ. Tag und Nacht stand sie auf. Meine Eltern haben es nicht hingekriegt ein Schloss dafür zu besorgen. Wir hatten zwar einen Hund, aber der bellte für alles und jeden. Abends oder nachts wenn wir alleine waren, konnte man kaum schlafen, weil man auf jedes Geräusch achtete. Alles in Allem war dass die schrecklichste Zeit in meinen Leben. Man findet einfach nichts positives. Wenn ich noch daran denke wie wir , da der Strom in einem kalten Winter abgestellt war, nicht ein Heißgetränk bekamen. Denn Geld für Kohlen war auch nicht da . In dieser Zeit wurde alles verfeuert was nicht Niet- und Nagelfest war. Täglich musste ich mit einer Thermoskanne nach Tchibo und Kaffee holen. Dann gab es ein Kaufhaus in dem gab es für 50 Pf. Einen Eintopf. Mit Wurst 1,00 DM . Aber so viel Geld hatten wir ja nicht.Jeden Tag nach der Schule liefen wir alle dort hin und kriegten wenigstens eine warme Mahlzeit. Meine Mutter arbeitete zu dieser Zeit in einer Bar. Sie kam immer erst nach sechs Uhr morgens nach Hause. Dann schlief sie bis zum Nachmittag. So hat sie ja auch nie kochen können und wir bekamen den Eintopf. Wenn meine Mutter arbeiten war, dann war Papa nicht zu Hause. Er war mit in der Bar und vertrank einen Teil von dem, was meine Mutter verdiente. Manchmal bekam er auch Streit mit den Gästen, weil er auf jeden eifersüchtig war. Das war dem Barbesitzer nach ein paar Wochen wohl zu viel und er feuerte meine Mutter wieder. Aber dadurch ging es uns nicht besser. Jetzt war sie zwar da aber wir hatten wieder kein Geld. Papa konnte als Maurer im Winter nicht arbeiten und ging stempeln. Weihnachten war auch kein Geld da. Geschenke gab es nicht. Aber was zu essen. Und das im Jahr 1965. Wo viele schon einen Aufschwung erlebten. Wir nicht. Meine Oma war der wichtigste Pfeiler in meinem Leben. Aber sie konnte auch nicht alles auffangen. Zwei meiner Schwestern waren wegen Angstzuständen jahrelang in therapeutischer Behandlung. Ich habe sehr wahrscheinlich das gleiche gehabt und habe dies später verarbeitet als Übermutter. Meine Kinder durften fast nichts, da ich immer Angst hatte, dass ihnen was passiert. Aber ich greife schon wieder vor.
Keine meiner Freundinnen kam je zu uns nach Hause, ich habe mich so für diese Wohnung geschämt. Manchmal fuhr ich meine Oma besuchen und nahm eine Freundin mit. Dort war es ja immer sauber und ordentlich. Meine Großeltern wohnten noch in dem Haus, in dem ich geboren wurde.
Nun gut, diese Zeit ging ja auch vorbei. 1966 wurde ich aus der Schule entlassen1 Damals war es eine Volksschule. Wir hatten nur 8 Jahre Schulpflicht. Mein Zeugnis war einigermaßen . Im Gegensatz zu meinen Geschwistern. Alle mussten 1 Jahr wiederholen. Der Zwilling 3 mal.- Zuerst war er alleine in der Klasse, dann kam er zu dem älteren Bruder und 1 Jahr später zum jüngsten Bruder in die Klasse, Meine Schwester hat 3mal die Sechste besucht. Dann wurde sie auch aus dieser entlassen...Aus meiner heutigen Sicht war das nicht verwunderlich. Wir waren ja mit allem immer auf uns alleine gestellt. Da wurden keine Hausaufgaben mit Mutter oder Vater gemacht. Ganz selten wurde das Bastelmaterial gekauft, dass wir benötigten. Kann jetzt nur für mich sprechen. Aber ich glaube bei den anderen war es ähnlich. Meine Oma hat viel geholt, was ich brauchte. Ich glaube ab der 6. Klasse habe ich meine Arbeiten selbst unterschrieben. Fiel niemanden auf. Zu Elternabenden kam keiner. Meine Eltern kannte keiner in der Schule. Und trotzdem ist aus jedem von uns etwas geworden. Aber ich weiß bis heute nicht, auf was meine Mutter so stolz ist. Vielleicht weil wir nie aufgegeben haben ? Weil sich jeder einen Platz im Leben gesucht und auch gefunden hat ? Weil wir alles anders gemacht haben als sie ? Wie gesagt ich weiß es nicht. Wenn ich sie frage, bekomme ich keine klare Antwort darauf. Auch nicht auf all die 1000 anderen Fragen. Z.B. warum ich so viel Prügel bekommen habe, warum ich die Verantwortung immer für alle Kinder hatte, warum sie mich nie in den Arm genommen oder geküsst oder gestreichelt hat. Warum ich nie ein liebes Wort von ihr gehört habe. Warum sie mir nie gesagt hat, dass man sich die Hände nach der Toilette waschen sollte. Für mich alles große Fragezeichen. Meine Mutter kann sich angeblich an all diese Dinge nicht erinnern. Nur wir Geschwister tauschen uns über dieses Thema aus. Aber mittlerweile ist es so, dass auch eine Spur Mitleid in unsere Beziehung kommt, so das ich das Thema lieber ruhen lasse. Was man alles so vergessen kann...
1969 habe ich meinen Mann kennengelernt und 1971 war ich endlich aus der verhassten Wohnung ausgezogen. Früher bekam man als unverheiratetes Paar keine oder schwer eine Wohnung. Also haben wir Anfang 1971 geheiratet. Meine erste Wohnung war wunderschön. Ich legte Wert auf sehr viel Gemütlichkeit und natürlich Ordnung und Sauberkeit. Ein kleines Paradies war mein Zuhause. Zeitgleich sind meine Eltern auch umgezogen. In eine 4 ½ Zimmer Wohnung. Die haben sie auch schöner gemacht. Der Zwilling war schon vor mir ausgezogen. Sie hatte einen Sohn bekommen. Mit 17. Sie war verheiratet. 1 Jahr später wohnte nur noch mein jüngster Bruder und die kleine Schwester im Hause meiner Eltern. Alle haben schnell geheiratet um raus zu kommen.
Da ich mich ja mein Leben lang um kleine Kinder kümmerte, wollte ich so schnell wie möglich auch eins haben. Aber leider wurde aus meinem Wunsch noch nichts weil sich nach 3 Jahren herausstelle, dass mein Mann zeugungsunfähig war. Durch eine Mumps Erkrankung ist das geschehen.Und meine Schwiegereltern und deren Familie hatten mich schon die ganze Zeit im Visier keine Kinder bekommen zu können. Ok. Blöd gelaufen. Für mich und meinen Mann. Heute denke ich, dass ich diesen Kinderwunsch so sehr innehatte , dass daran letztendlich meine Ehe zerbrach.
Also haben wir und 1975 getrennt und 1976 wurde ich geschieden.
1976 war dann mein Schicksalsjahr. Am 1. Mai, genau genommen in der Nacht zum 1. Mai ( Tanz in den Mai ) habe ich meinen Traummann gefunden. Jetzt hatte ich nur Sorge, dass er auch keine Kinder zeugen kann. Nach einer kleinen Kennlernphase haben ich ihm gesagt, dass, wenn er Kinder möchte, ich bis zum 25. Lebensjahr schwanger sein wollte. Im Oktober wurde ich 25. Er bejahte und ich setzte die Pille ab. Es dauerte dann bis Februar 1977 bis ich endlich schwanger wurde. Nach all der Zeit in meiner ersten Ehe wo ich Mont für Monat darauf wartete, dass meine Regel ausblieb, war es für mich die Sensation überhaupt, dass sie ausblieb. War für mich ein Wunder, an dass ich noch nicht glauben konnte. Und so ging ich alle 5 – 10 Minuten auf die Toilette um nachzusehen. Aber ich war schwanger!!! Das Kind kam im November 1977 zur Welt. Meine Tochter. Sie war endlich da... Mein Gefühl war Glück, Freude, Liebe, einfach alles was ich mir erträumte. Jetzt hatte ICH eine Familie, eine wunderschöne Wohnung und einen Mann der sehr viel arbeitete um seinen Mädels, wie er immer sagte, ein schönes Leben zu ermöglichen.Und ich wollte meinen Beitrag dazu leisten und alles perfekt zu machen. Einfach alles. Auf jeden Fall alles anders als meine Eltern. Mein Kind sollte niemals hungern oder frieren. Ich würde es versorgen mit allem was es braucht und es sollte gut behütet aufwachsen. Die Kleine war für mich das Größte auf dieser Welt. Ich lies sie nicht 1 Minute aus den Augen. Holte sie jede Nacht zu uns ins Bett um ihre Atmung zu kontrollieren. Sie entwickelte sich rasant. Es war einfach nur schön. Wir fuhren in Urlaub, sogar in den Wintersport und liefen abwechselnd Ski oder gingen spazieren. Einmal , da war sie 1 Jahr alt, hatte sie eine leichte Bronchitis und ich schlug dann meinem Mann vor, mit dem Kind an die Ostsee zu fahren, damit sie sich erholte. Das taten wir auch. Zu dieser Zeit wurde mein Vater schwer krank. Er hatte eine Nierenerkrankung und musste innerhalb kürzester Zeit an die Dialyse angeschlossen werden. 3 mal in der Woche für 4 Stunden. Wir hatten eine Heimdialyse und meine Mutter wurde darin ausgebildet ,ihn daran anzuschließen. Zu diesen Zeiten bin ich sehr oft mit meiner Tochter zu Papa gefahren. Wir verbrachten dann die Zeit dort. Denn mein Vater hing sehr an seinem ersten Enkelmädchen. Meine beiden Schwestern hatten jeweils einen Sohn bekommen. Die waren schon 4 und 5 Jahre alt. Zurückblickend war die Zeit mit dem kranken Vater nicht sehr schön. Vor allem nicht für ihn. Der Lebemann... Hat bis dahin, seinem 46. Lebensjahr, gut gelebt. Hatte sehr oft seinen Spaß mit anderen Frauen.Er hat meine Mutter ständig betrogen. Ging so 2 bis 3 mal in der Woche abends in die Kneipe. Hat noch mit fremden Frauen Kinder gezeugt, hat eine mehrmonatige Haftstrafe verbüßt wegen Verführung Minderjähriger . Vor meinen Schwestern und mir machte er auch nicht Halt. Aber dies hatte ich damals alles vergessen. Mir und meiner Familie ging es ja gut. Papa tat mir nur leid. Bis zur Geburt meiner kleinen Schwester, also bis ich 15 Jahre alt war, hat er mir viel Beachtung geschenkt. Von ihm habe ich eigentlich viel gelernt. Auf jede meiner Fragen wusste er eine Antwort. Oft hat er mich auch vor meiner Mutter verteidigt, wenn ich mal wieder „ dran war „. D. h. Den ganzen Tag oder auch zwei wurde ich für alles was schief lief angemeckert oder verhauen.Wenn er das mitbekam, ging er dazwischen. Dann war wieder eine Weile Ruhe und ein anderer kam dran. Meine Mutter war auch nicht zimperlich mit der Auswahl ihrer Hilfsmittel. Da gab es den Teppichklopfer, Tennisschläger oder Ledergürtel. Die Arme und die Schultern hatten dann 1 Woche Striemen. Einmal Heiligabend, da war ich schon 15 Jahre alt, ich kam von der Arbeit und wollte mir einen Kaffee trinken, bevor ich mich für den Abend fertig machte. Setzte mich an den Tisch, meine Mutter dazu, sie begann wieder irgendeine Streiterei, vielleicht hab ich sie auch begonnen, ich weiß es wirklich nicht mehr, da bekam ich plötzlich denNussknacker an den Kopf und das Blut tropfte auf den Tisch. Aber das interessierte niemanden, so abgestumpft waren alle Kinder schon. Meine Schwester erzählte mir kürzlich, dass ich ihr so leid tat als meine Mutter mich mal an den Haaren durch die ganze Wohnung gezerrt hat. Dass weiß ich gar nicht mehr.. Vielleicht weil ich die schlimmeren Sachen nur gespeichert habe. Als meine Schwester mir das erzählt hat, hat sie fürchterlich geweint. Mensch tat sie mir leid. Die Arme. Meinen Bruder hat Mutter mal mit einem Besenstiel derart verhauen, dass er aus Angst durch die geschlossene Glastüre gerannt ist. Aber da hat er noch Ärger bekommen, weil die Scheibe in der Türe zu Bruch ging. Ja und so was wollte ich meinen Kindern niemals antun. Das habe ich mir schon damals geschworen. Und trotzdem bin ich immer wieder nach Hause gegangen. Ich liebte meinen Vater, bei meiner Mutter weiß ich es nicht. Bis heute nicht... Die Lebenszeit meines Vaters war, ohne Transplantation, sehr begrenzt und ich bin auch oft dort hin gefahren. Hatte ja nur ein Kind und konnte so auch meine Geschwister besuchen, da ich ungefähr 60 km von ihnen weg wohnte. Meine Eltern und die Geschwister sind im gleichen Stadtteil geblieben. Mein Mann und ich sind nach Außerhalb gezogen. Wir haben uns ein schönes Einfamilienhaus gemietet. Mit einem schönen Garten. Er pendelte zwar zu seiner Arbeit aber das war ihm egal. Die Hauptsache wir hatten es schön. Ok schön ist zuviel gesagt. Ich kam dort nicht zu recht. Denn ich vermisste meine Geschwister schon ganz schön. Sonst sahen wir uns fast täglich. Nun konnten wir nur telefonieren. Manchmal hatte ich auch kein Auto uns so wurde ich dort sehr einsam. Irgend wann wurde ich dann sogar krank. Hatte immer Herzrasen verbunden mit Angst. Angst zu sterben. Ich wurde dann auch kalk weiß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. Mein Mann ging mit mir zum Arzt und der verschrieb mir Beruhigungstabletten. Zunächst hatte ich Angst alleine im Haus zu sein, später konnte ich nicht mehr über Brücken fahren, konnte an keiner Ampel stehen bleiben, noch später bin ich gar kein Auto mehr gefahren. Dadurch wurde ich natürlich immer einsamer und die Krankheit, was es auch immer war, konnte nicht verschwinden. So kam es dann , dass ich morgens um sieben mit meiner kleinen Tochter mit meinem Mann mit zur Arbeit fuhr und er mich bei meiner Schwester absetzte, Um acht war ich meistens da und abends um sieben holte er mich wieder. Das wurde mir nach ein paar Tagen zu langweilig und so fuhr er mich jeden Morgen woanders hin. Zur Mama, zur Oma, meiner Schwester und meiner Schwägerin. So kriegte ich die Woche gut rum. Am Wochenende musste meine kleine Schwester mit zu mir, sie war damals 12 oder 13 Jahre alt. Alles nur damit ich nicht alleine war. Denn ich musste ja irgendwann das Haus putzen. Da wir zu dieser Zeit schon ein zweites Kind wollten, habe ich die Tabletten weggelassen, weil ich meinte, dass ich damit nicht schwanger werden konnte. Aber ich wurde nicht schwanger. Nach einem Jahr mit dieser blöden Krankheit, haben wir uns wieder eine Wohnung in der Nähe meiner Familie gesucht. Meine Tochter war zu diesem Zeitpunkt 2 Jahre alt. Und einen Monat später war ich wieder schwanger. Da ich ja seit meinem 18. Lebensjahr Diabetes hatte, war es wieder eine Risikoschwangerschaft und ich musste jede Woche zum Arzt. Auf einmal konnte ich auch wieder Auto fahren, blieb wieder alleine und hatte keine Angst mehr. Sehr wahrscheinlich waren dass die Hormone der Schwangerschaft. Aber egal, meine Welt war wieder in Ordnung...Im Juli 1980 kam meine zweite Tochter zur Welt. Ein 8 Pfund schweres Kind. Aber auch mit Kaiserschnitt. Wegen dem Diabetes wurde bei mir die Schwangerschaft immer 2 Wochen vor Termin beendet. Das Kind war von Anfang an ein Schreikind. Mir blieb wenig Zeit für die Große. Sie war jetzt fast 3 Jahre. Aber da sie ein sehr liebes und ruhiges Kind war, nahm sie mir das nicht übel. Ich band sie in allem mit ein. Sie durfte mit füttern, das Baby baden und Windeln wechseln. Eine ganz kleine Mami eben. Unsere zweite Tochter lernte mit 10 Monaten laufen. Nur sprechen konnte sie erst später. Das habe ich ihr im Krankenhaus verstärkt beigebracht. Dort lag sie nämlich gut 2 Wochen und ich war rund um die Uhr bei ihr. Da ich mir die Schuld für ihren Aufenthalt dort gab. Sie hatte eine Medikamentenvergiftung. Da kam so. Sie hatte eine Mittelohrentzündung, da war sie 13 Monate alt. Und abends habe ich ihr den Fiebersaft gegeben und die Flasche hoch aufs Regal im Kinderzimmerschrank gestellt. Davor stand ihr Bettchen. Ich ging dann aus dem Raum und als ich nach ungefähr 10 Minuten gucken wollte ob die Kinder schlafen, saß die Kleine im Bett und spielte mit der Flasche. Auf dem Bettzeug war etwas verschüttet und ich wusste nicht wie viel sie getrunken hatte. Dann habe ich die Giftzentrale in Berlin angerufen und nach gefragt. Die haben mich sofort in eine Klinik geschickt. Und dort blieb sie dann über 2 Wochen.
Fortsetzung folgt!!!!
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Lebens...Lauf
ma1910, 00:22h
So das wäre auch geschafft. Die dritte und jüngste meiner 3 Töchter ist verheiratet.
War es das jetzt.? Sind die Mühen und Ängste der vergangenen 33 Jahre jetzt vorbei?
Bin ich jetzt wieder ICH?
Ich blicke mal zurück...
Geboren wurde ich auf dem Polterabend meiner Eltern 1951. Fing ja schon gut an.. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, mein Vater 21. War wohl zu dieser Zeit üblich, jung Mutter zu werden. Auf jeden Fall wohnten meine Eltern noch im Hause meiner Großeltern mütterlicherseits. Sie hatten dort ein winziges Zimmer. Das ganze Haus hatte 52qm und 4 Zimmer zuzüglich einer „ Kochecke „ Aber ein Garten war dabei. Gebadet wurde im Keller in einer großen Gussbadewanne. Immer samstags. Dazu wurde das Wasser in einem Wäschetrog erhitzt und dann mit einem Eimer in die Wanne geschafft. Der Wäschetrog wurde von unten mit Holz befeuert. Ältere kennen es bestimmt noch.Bei uns war es so ,dass erst die Frauen in einem Wasser badeten. In diesem Fall meine Oma, Mama und Tante. Auch in dieser Reihenfolge. Danach die Männer mit erneuertem Wasser. Opa, Papa und ein Onkel, der auch noch zu Hause lebte. So wohnten also zum Zeitpunkt meiner Geburt in dem Haus 6 Erwachsene auf 52 qm. Heute unvorstellbar. Alles traf sich im kleinen Wohnzimmer. Daran grenzte eine offene Kochnische mit Herd und Kühlschrank und Spüle. Im Wohnzimmer stand ein großer Tisch mit 6 Stühlen, ein Sofa, ein Schrank und ein Radio. Aus dem Wohnzimmer konnte man hinaus in den Garten. Meine Oma kochte für alle und passte auf mich auf als meine Mutter noch arbeiten ging. Das konnte Mama aber nicht mehr lange, denn 15 Monate nach meiner Geburt kam meine Schwester zu Welt.
So und jetzt wurde es eng. Daher suchten sich meine Eltern 1953 eine kleine Dachgeschosswohnung in der Nähe meiner Großeltern . Die Miete für diese Wohnung betrug 25 DM in der Woche. Ich glaube, ein fähiger Makler könnte diese Wohnung besser anpreisen als ich. Aber ich will ja bei der Wahrheit bleiben... Also die Wohnung bestand aus 2 ganz kleinen Zimmern. Ohne fließend Wasser. Die Toilette war im Hausflur, eine Treppe tiefer. Das Wasser musste man draußen auf dem sogenannten Speicher holen. Strom war da. Aber dort war ein Zähler den man mit „ Strommarken „ füttern musste. Die Marken konnte man im nahe gelegenen Werk, den Stadtwerken, kaufen. Der erste Raum war etwas größer als der zweite. Also wurde aus dem ersten Raum die Küche, das Wohnzimmer und das Kinderzimmer. Im zweiten Raum standen 2 Betten. Diese standen aber nicht zusammen sondern links und rechts an der Wand. In der Mitte war ein etwa 50 cm Durchgang und vor Kopf war ein 2-türiger Kleiderschrank. Das alles mit Schrägen versehen war, versteht sich. Aber in jeden Raum war ein Dachfenster. Der Übergang vom ersten zum zweiten Zimmer wurde mit einem Vorhang markiert. Vielleicht wäre es für eine Weile ausreichend gewesen. Aber meine Eltern hatten ihre Familienplanung noch nicht abgeschlossen. 1953 waren wir 2 Kinder, 1954 kamen Zwillinge zur Welt,
Leider waren es Frühgeburten im 6 Monat. Ein Junge und ein Mädchen. Sie mussten ca. 3 Monate im Krankenhaus bleiben und der Junge wurde als erstes entlassen. Leider verstarb er, als er gerade mal 3 Tage zu Hause war. Zu diesem Zeitpunkt war ich 3 Jahre alt und kann mich an jedes Detail erinnern. Komisch dass ein so kleines Mädchen die Tragweite erkennen konnte. Die Schwester wurde dann ein paar Monate später aus dem Krankenhaus entlassen und ihr ging es gut. Dass war also 1954. Das vierte Kind, ein Junge kam 1955 und das fünfte Kind, ein Junge, 1956 auf die Welt.
So lebten wir also mit 5 Kindern in dieser Wohnung. Meine Eltern schliefen in einem Bett und vier von uns im anderen. Jeweils 2 Kinder am Kopfende und 2 am Fußende. Der Kleinste hatte ein Minikinderbett neben dem Schrank vor Kopf.
Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter 22 und mein Vater 25 Jahre alt. Ich war 5.
Fortsetzung folgt!!!
War es das jetzt.? Sind die Mühen und Ängste der vergangenen 33 Jahre jetzt vorbei?
Bin ich jetzt wieder ICH?
Ich blicke mal zurück...
Geboren wurde ich auf dem Polterabend meiner Eltern 1951. Fing ja schon gut an.. Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, mein Vater 21. War wohl zu dieser Zeit üblich, jung Mutter zu werden. Auf jeden Fall wohnten meine Eltern noch im Hause meiner Großeltern mütterlicherseits. Sie hatten dort ein winziges Zimmer. Das ganze Haus hatte 52qm und 4 Zimmer zuzüglich einer „ Kochecke „ Aber ein Garten war dabei. Gebadet wurde im Keller in einer großen Gussbadewanne. Immer samstags. Dazu wurde das Wasser in einem Wäschetrog erhitzt und dann mit einem Eimer in die Wanne geschafft. Der Wäschetrog wurde von unten mit Holz befeuert. Ältere kennen es bestimmt noch.Bei uns war es so ,dass erst die Frauen in einem Wasser badeten. In diesem Fall meine Oma, Mama und Tante. Auch in dieser Reihenfolge. Danach die Männer mit erneuertem Wasser. Opa, Papa und ein Onkel, der auch noch zu Hause lebte. So wohnten also zum Zeitpunkt meiner Geburt in dem Haus 6 Erwachsene auf 52 qm. Heute unvorstellbar. Alles traf sich im kleinen Wohnzimmer. Daran grenzte eine offene Kochnische mit Herd und Kühlschrank und Spüle. Im Wohnzimmer stand ein großer Tisch mit 6 Stühlen, ein Sofa, ein Schrank und ein Radio. Aus dem Wohnzimmer konnte man hinaus in den Garten. Meine Oma kochte für alle und passte auf mich auf als meine Mutter noch arbeiten ging. Das konnte Mama aber nicht mehr lange, denn 15 Monate nach meiner Geburt kam meine Schwester zu Welt.
So und jetzt wurde es eng. Daher suchten sich meine Eltern 1953 eine kleine Dachgeschosswohnung in der Nähe meiner Großeltern . Die Miete für diese Wohnung betrug 25 DM in der Woche. Ich glaube, ein fähiger Makler könnte diese Wohnung besser anpreisen als ich. Aber ich will ja bei der Wahrheit bleiben... Also die Wohnung bestand aus 2 ganz kleinen Zimmern. Ohne fließend Wasser. Die Toilette war im Hausflur, eine Treppe tiefer. Das Wasser musste man draußen auf dem sogenannten Speicher holen. Strom war da. Aber dort war ein Zähler den man mit „ Strommarken „ füttern musste. Die Marken konnte man im nahe gelegenen Werk, den Stadtwerken, kaufen. Der erste Raum war etwas größer als der zweite. Also wurde aus dem ersten Raum die Küche, das Wohnzimmer und das Kinderzimmer. Im zweiten Raum standen 2 Betten. Diese standen aber nicht zusammen sondern links und rechts an der Wand. In der Mitte war ein etwa 50 cm Durchgang und vor Kopf war ein 2-türiger Kleiderschrank. Das alles mit Schrägen versehen war, versteht sich. Aber in jeden Raum war ein Dachfenster. Der Übergang vom ersten zum zweiten Zimmer wurde mit einem Vorhang markiert. Vielleicht wäre es für eine Weile ausreichend gewesen. Aber meine Eltern hatten ihre Familienplanung noch nicht abgeschlossen. 1953 waren wir 2 Kinder, 1954 kamen Zwillinge zur Welt,
Leider waren es Frühgeburten im 6 Monat. Ein Junge und ein Mädchen. Sie mussten ca. 3 Monate im Krankenhaus bleiben und der Junge wurde als erstes entlassen. Leider verstarb er, als er gerade mal 3 Tage zu Hause war. Zu diesem Zeitpunkt war ich 3 Jahre alt und kann mich an jedes Detail erinnern. Komisch dass ein so kleines Mädchen die Tragweite erkennen konnte. Die Schwester wurde dann ein paar Monate später aus dem Krankenhaus entlassen und ihr ging es gut. Dass war also 1954. Das vierte Kind, ein Junge kam 1955 und das fünfte Kind, ein Junge, 1956 auf die Welt.
So lebten wir also mit 5 Kindern in dieser Wohnung. Meine Eltern schliefen in einem Bett und vier von uns im anderen. Jeweils 2 Kinder am Kopfende und 2 am Fußende. Der Kleinste hatte ein Minikinderbett neben dem Schrank vor Kopf.
Zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter 22 und mein Vater 25 Jahre alt. Ich war 5.
Fortsetzung folgt!!!
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